Waldkinder tauchen ein in eine sinnliche Welt. Auf ihrem Weg begleiten sie Vogelgezwitscher, das Murmeln des Baches, ein Rascheln in den Büschen und das Knacken von Ästen. Hier hüpft ein Frosch, und dort spielt die Sonne in den farbigen Blättern. Der Wind bläst ins Gesicht, und Regentropfen platschen auf die Nase. Und sogar das Essen vom offenen Feuer schmeckt anders, besser. Im Wald begegnet uns auf Schritt und Tritt Interessantes, Erstaunliches, Neues, Erheiterndes. Unzählige Gelegenheiten wecken Neugier und Forschungsdrang. Ganz nebenbei wird der Körper trainiert.

Lebenslanges Lernen

Als Lebewesen sind wir in einem fortwährenden Entwicklungsprozess begriffen: Unser ganzer Organismus ist auf Lernen ausgerichtet. Je jünger, desto mehr und intensiver findet Lernen statt. So üben Babys unermüdlich, bis sie ihr Ziel erreicht haben, um sich sofort neuen Herausforderungen zuzuwenden. Der Frühförderung kommt also grösste Bedeutung zu. Ich staunte, als ich im Zusammenhang mit der Robotik auf Aussagen von Rolf Pfeifer, der als Physiker und Mathematiker an der Universität Zürich lehrt, stiess: Im Körper liege der Schlüssel zur geistigen Intelligenz, sagte er. Die Fähigkeit zu unterscheiden, die Umwelt in sinnvolle Einheiten einzuteilen und mit Bedeutung zu füllen, baue auf dem sensomotorischen System auf. Ein Wesen, das über keinen Körper verfüge, das nicht über seine Bewegungsfähigkeit mit der Welt gekoppelt sei, könne nie eine Sprache lernen, meinte Pfeifer.

Der Mensch ist komplexer und intelligenter als jede Maschine. Aber vielleicht sind gewisse Grundmuster ähnlich. Auf jeden Fall leuchtet ein, dass, wer einen Apfel in der Hand hält, sein Gewicht spürt, ihn riecht, seine kühle Glätte wahrnimmt, vielleicht gar reinbeisst, die knackige, saftige Frische auf der Zunge erlebt oder ihn über den Tisch kullern lässt, dessen Wesen besser erfasst und verinnerlicht, als der, der das Bild eines Apfels sieht. Nachdem wir uns die Welt auf sensomotorischem Wege zu eigen gemacht haben, können wir sie integrieren und abstrahieren. Solange das Kind aber mit der Koordination von Körper und Sinneswahrnehmung beschäftigt ist, ist Förderung intellektueller Leistungen wenig sinnvoll und möglicherweise sogar störend.

Wissen allein genügt nicht. Mit allen Sinnen Erlebtes ist unwiderrufliche Erfahrung und Boden für sinnerfülltes Leben. Im eigenen Erforschen lernt man am schnellsten; ohne schnelle Antworten und solange die Neugier brennt. Je mehr ein Kind entdeckt, umso mehr formt sich sein Gehirn – und wird auf intellektuelle Prozesse vorbereitet.

Aufmerksamkeit schärfen

Die heutige Dynamik lässt kaum Zeit für kindliche Lernprozesse. Darum bleiben Kinder oft lange abhängig und unselbständig. Die Waldpädagogik nimmt sich Zeit, mit dem Kind Schritt für Schritt – in gesichertem Rahmen – Fertigkeiten zu entwickeln. Dazu gehört, mit ihm gemeinsam zu lernen, mit Gefahren umzugehen, anstatt potenzielle Gefahren aus dem Erlebnisbereich des Kindes zu entfernen. Ein 5-jähriges Kind, das endlich die Gelegenheit erspäht, das unbeaufsichtigte Sackmesser auszuprobieren – und erst noch schnell machen muss, bevor ihm das Messer wieder weggenommen wird –, kann sich ernsthaft damit verletzen. Wenn wir mit unsern 2-Jährigen schnitzen, haben wir viel Zeit, uns mit ihnen hinzusetzen. Wir erklären dem Kind, wo das Messer scharf und wie es zu halten ist, damit es sich nicht weh tut. Unsere Schnitzmesser sind vorne abgerundet und haben eine Sicherung, damit sie nicht versehentlich zusammenklappen können. Dass sich das Kind trotzdem schneidet, gehört zum Lernprozess.

Die 2-jährige Sophie interessiert es nicht, wenn ich ihr erkläre, dass sie ohne Handschuhe kalte Hände haben wird. In diesem Augenblick sind ihre Hände warm, und die Handschuhe sind sowieso unbequem und unpraktisch, weil damit nichts richtig gehalten werden kann. Vielleicht weigert sich Sophie sogar, die Handschuhe in den Rucksack zu tun, und so packe ich sie unbemerkt in meinen. Schnell sind die Hände kalt und Sophie unglücklich: Auch das ist entdeckendes Lernen, Lernen durch Konsequenzen. Es ist wichtig, dem Kind etwas zuzutrauen, es seine Entscheidungen selber fällen zu lassen. In einer kontrollierten, überblickbaren Situation, mit kalkulierbaren Gefahren. Unsere Erfahrung ist, dass Kinder von Natur aus vorsichtig sind. Es ist erwiesen, dass in Wald-Institutionen weniger Unfälle passieren als in Regelbetrieben. Kinder, welche lernen, mit sich und ihrem Körper heimisch zu werden, sind kompetent und weniger unfallgefährdet.

Selbstvertrauen stärken

Was stärkt das Vertrauen in sich und seine Fähigkeiten mehr als das Erlebnis, Schwierigkeiten überwunden, Lösungen gefunden und ein Ziel erreicht zu haben. Der Wald bietet dem Kind täglich echte, altersgemässe Herausforderungen. Beim Überqueren des Baches, beim Hochklettern eines Hangs, beim Schleppen eines schweren Astes, beim Schnitzen – hier übt das Kind Kraft, Geschicklichkeit, Mut, Ausdauer, Kreativität und Phantasie. Das Kind findet eigene Lösungen und blickt mit Stolz auf eben errungene Erfolge. Dies ist der Motor, sich immer neuen Herausforderungen zu stellen.

Der Wald bietet noch mehr. Kinder erleben auch das Eingebundensein in eine Gemeinschaft. Im Lebensraum Wald, wo die unterschiedlichsten Lebewesen aus Pflanzen- und Tierwelt ökologisch zusammenleben und sich gegenseitig bereichern, ist dies einleuchtend. In der Schule fallen ehemalige Waldkinder auch durch ihre Sozialkompetenz auf. Es ist eine verantwortungsvolle Aufgabe, Kinder bei ihren Entdeckungen zu begleiten. Je mehr Freiheit die Kinder erhalten, desto sorgfältiger müssen sie begleitet und gelenkt werden.

Marga Keller leitet einen Waldkindergarten und eine Tagesstätte in Zürich.

Quelle: NZZ vom 7. November 2012

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