Quelle: Basellandschaftliche Zeitung vom 20.11.2013

Autor: Karen Schärer

Intuitiv spüren Eltern: Natur ist für ihr Kind gut. Oder besser im Konjunktiv: Natur wäre für ihr Kind gut. Denn die Lebenswelt vieler Kinder heute ist der urbane Raum, der TÜV-geprüfte Spielplatz, die Indoor-Halle zum Austoben. Alles unter dem wachsamen Blick der Eltern oder anderer Aufsichtspersonen.

Der Wald wird zwar gelegentlich beim Sonntagsspaziergang durchquert, doch brav auf dem Weg – denn viele Erwachsene empfinden das Unterholz, in welchem Zecken lauern könnten, als eigentliche Kriegsfront. Von Bäumen könnte das Kind fallen, und das Spielen am Bach beäugen Erwachsene skeptisch, schliesslich fehlt die Wechselkleidung. Natur ist für viele mehr oder weniger zur Kulisse geworden, die vom Auto oder Weg aus betrachtet wird.

Dabei haben viele dieser Eltern selbst als Kinder ganz andere und eigenständige Naturerfahrungen gemacht. Denn noch vor zwei, drei Jahrzehnten durften Kinder freier spielen: Spielgefährten traf man auf der Strasse, liess sich etwas einfallen und verbrachte Stunden im Wald, am Bach, im hohen Maisfeld.

In der Neuerscheinung «Wie Kinder heute wachsen» schreiben die Autoren Herbert Renz-Polster und Gerald Hüther, der Aktionsradius der Kinder – also der Raum, in dem sie auf eigene Faust spielen und entdecken dürfen – sei zwischen 1970 und 1990 auf ein Neuntel zurückgegangen. «Es ist anzunehmen, dass inzwischen weitere Einbussen dazugekommen sind. Und für viele Kinder kommt inzwischen auch noch eine elektronische Leine dazu – welches Kind ist nicht jederzeit per Handy für seine Eltern erreichbar?», heisst es im Buch der beiden Bestsellerautoren.

Naturloser Zustand

Doch eben: Eigentlich spüren Eltern intuitiv, dass es dem Kind guttut, in der Natur zu sein. Die Intuition irrt natürlich nicht. Renz-Polster und Hüther, ein Kinderarzt und ein Professor für Neurobiologie, schreiben: «Natur stellt für Kinder einen massgeschneiderten Entwicklungsraum dar.» Die Natur biete den Kindern Reichtum für ihre Entwicklung, sie stecke voller Anreize, die zu den Herausforderungen des Grosswerdens passten wie der Schlüssel zum Schloss.

Die beiden Deutschen sind nicht die Ersten, die in Zeiten der «Naturlosigkeit» die Natur und die Erfahrungen, die Kinder in ihr machen können, als zentralen Entwicklungs- und Begegnungsraum preisen.

Von einer eigentlichen «Naturdefizit-Störung» sprach schon 2005 der Amerikaner Richard Louv in seinem viel beachteten Buch «Das letzte Kind im Wald». Und Kinderarzt und Buchautor Remo Largo weist seit Jahren in Interviews darauf hin, dass Kinder «in der ganzen Menschheitsgeschichte fast ausschliesslich in der Natur aufgewachsen» seien.

Statt ein von den Eltern bestimmtes Programm abzuspulen (Schwimmkurs, Frühenglisch), sollten Kinder im Vorschulalter lieber im Wald «ganzheitliche Erfahrungen sammeln», meint Largo.

Eine wachsende Anzahl von Eltern möchte ihren Kindern – neben dem Frühenglisch und dem Schwimmkurs – die Natur näherbringen. Das heisst nun aber nicht, dass Mama und Papa selbst in die robusten Stiefel steigen und das Sackmesser einpacken: Sie delegieren die Naturaufenthalte ganz einfach an andere. Die Nachfrage nach Betreuungsplätzen in der Natur oder auf dem Bauernhof ist gross, entsprechend wächst das Angebot stetig.

Kleinkinder im Wald

Die Anzahl Waldspielgruppen hat in den letzten Jahren rasant zugenommen; aktuell gibt es schweizweit etwa 500. Vielerorts müssen interessierte Eltern ihr Kind aufgrund der grossen Nachfrage zunächst auf eine Warteliste setzen lassen. Andere Eltern suchen für ihr Kleinkind eine Kindertagesstätte, die ständig im Wald stattfindet.

Entsprechende Angebote gibt es laut dem Fachverband für Erleben und Bildung in der Natur in den Kantonen Bern, Zürich und Schaffhausen. Mindestens 20 Kitas in der Schweiz bieten den grössten Teil der Betreuungszeit draussen an. Während eigentliche Waldschulen sehr selten sind, führen viele öffentliche Schulen und Kindergärten regelmässige Waldtage durch.

Allerdings ist die Verbreitung dieser Angebote in der Schweiz unterschiedlich: In der Romandie und im Tessin sind Naturspielgruppen noch sehr wenig verbreitet. Ebenso selten melden Eltern mit Migrationshintergrund ihr Kind für eine solche Spielgruppe an.

Kinder stecken Eltern an

Zeit mit ihrem Kind verbringen viele Eltern weiterhin am liebsten auf dem Spielplatz – wo sie ab und zu vom Smartphone aufblicken, um sicherzugehen, dass der oder die Kleine noch in Sichtweite und nicht in eine Sandschlacht verwickelt ist und in der Schaukel-Warteschlange nicht überrundet wird.

Doch selbst Eltern, die die Naturgewöhnung ihrer Kinder an andere abdelegiert haben, kommen nicht darum herum, das bekannte Terrain des urbanen Raums zu verlassen. Eine Waldspielgruppenleiterin aus dem Kanton Bern meint: «Früher gingen die Eltern mit den Kindern in den Wald. Heute gehen die Kinder mit den Eltern in den Wald, um ihnen zu zeigen, was und wo sie gespielt haben in der Spielgruppe.» Das weckt dann wiederum bei den Eltern Lust auf Abenteuer und Spiel abseits von technischen Sicherheitsnormen.

Erziehungsberater und Waldspielgruppenleiter Markus Zimmermann aus Affoltern am Albis bestätigt diesen Effekt: «Eltern von Waldspielgruppenkindern lassen sich inspirieren und gehen selbst mehr mit ihren Kindern in die Natur.»

Diese neue Sehnsucht nach der Natur lässt sich für Familien einfach und unbürokratisch stillen. Nicht so für die Bildungsinstitutionen: Naturpädagogin Sarah Wauquiez sagt, der «Bewegung nach draussen» würden «ständig Stolpersteine in den Weg gelegt». Neue Gesetze und Reglemente mit verschärften Sicherheitsvorschriften machten Naturaufenthalte für Bildungsinstitutionen immer umständlicher.

So dürfte es noch dauern, bis Schulen im grossen Stil darauf setzen, Bildungsziele auch in der Natur zu erreichen.

(Nordwestschweiz)

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